Mittwoch, 29. Oktober 2014

Zurück in Deutschland 2 - Ja, hier ist es anders.

So merkwürdig die ersten Eindrücke zurück in Deutschland auch waren, so merkwürdig sollten auch die zweiten bleiben. Am Morgen des ersten Erwachens zurück in Ilmenau, in meiner WG, traf es mich dann wie der Schlag. Es war so merkwürdig auf diese weißen Wände zu blicken und keiner war da. Ich war allein, die WG noch leer und alles so furchtbar still. Ich wusste zunächst gar nicht, was ich tun sollte, wohin mit mir. Ich sah mir Ilmenau aus dem Fenster und vom Balkon an und mein noch so leeres WG-Zimmer. Ich war wieder zurück, das hier ist Deutschland. Es sieht alles so anders aus!
Erst mal den Computer an, Internet auf. Huch, ging das schnell! Eine Wohltat! Doch etwas was ich mir manchmal in Äthiopien gewünscht hätte, schnelles Internet. Aber auch gottseidank, gab es das dort nicht immer. Nun schnell im Facebook geschaut, ob Äthiopier da waren? Hm, nicht so richtig, trotzdem was geschrieben. Ok, scheiß drauf, ich muss sie hören! Handy raus, angerufen. Es tat so gut sie zu hören, wenn auch nur kurz. Und dann wieder überlegt "Was jetzt?" bis sich der Hunger aus meinem Magen meldte. Also machte ich meine Koffer auf und holte den mitgebrachten Injera, als auch das Shiropulver heraus, weil klar... was sollte ich auch anderes essen als Shiro und Injera, wie die letzten fünf Monate auch?! Schade, dass ich kein Fir Fir zum Frühstück hatte. Und dann noch schnell äthiopische Musik aufgelegt und mit äthiopischen und deutschen Freunden geschrieben und langsam kam ich wieder einigermaßen zu mir, fühlte mich wieder ein bisschen wohler in meiner Haut.

Später am Nachmittag, um den Tag nicht völlig allein zu verbringen und endlich wieder Menschen zu sehen, die ich fünf Monate nicht gesehen hatte (das Einzige was wirklich schön gewesen wäre mit in Äthiopien zu haben, meine mir wichtigen Personen), besuchte ich eine Freundin. Auch der Weg dorthin war wieder schön merkwürdig, merkwürdig schön. Bewusst ließ ich mein Fahrrad stehen und ging zu Fuß. Ich wollte die Welt, die ich solange nicht gesehen hatte noch einmal genauer ansehen, sie mir ganz genau angucken. Sie war auf einmal im Vergleich zu den Straßen von Addis so leer, obwohl Sonntag war. Keine Menschenseele auf der Straße, nur kahle, kalte, graue Häuser. Aber wo waren die Menschen? An keinem Tag kam mir Ilmenau leerer vor, als an diesem.
Und dann überquerte ich die Weimarer Straße, Ecke Alibaba. Ein Auto kam aus Richtung Rathaus auf mich zu. Wie sonst auch ging ich los, das Auto war ja noch weit weg. Es kam näher und hupte auf einmal. Und mit einem Blick ins Fenster betrachtete ich den darin fluchenden, wütenden Mann. Ich wusste gar nicht so recht wie mir geschah, als ich bemerkte, dass ich mitten auf der Straße stand (und wer sie kennt, weiß dass das nun wirklich kein Highway, keine große Straße ist) und darauf wartete, dass er vorüber fährt, damit ich weiter gehen kann, ganz so, wie ich es in Äthiopien auch immer getan hatte. Ich musste so unglaublich lachen, als ich weiter ging. Willkommen in Deutschland! Weit und breit kein Auto auf der Straße außer ihm und ich stehe und gehe nicht, ok, ich war mitten auf der Straße... In Äthiopien war es normal bereits über das Stück Straße zu laufen, was frei war, damit man voran kam. Es gab dort keine Überwege oder nur wenige Ampeln und Zebrastreifen, die aber auch keine Bedeutung hatten. Man ging einfach los, solang die Straße halbwegs frei war. Und wenngleich die Straße auch zwölf Spuren hatte und man doch kurz mal warten musste, während vor und hinter einem Autos vorbeifuhren. Die fuhren ja um einen herum! Und alle machten das so! Wobei ich zugeben muss, dass auch ich mich daran erst mal gewöhnen musste und mir bei zwölf Spuren und viel Verkehr doch auch nach fünf Monaten noch mulmig wurde. Aber in das Hupen in der Weimarer Straße brachte mich da einfach nur zum Lachen!

Ein für heute letzter, der vielen tausend Vergleiche des Lebens dort und hier, die Zeitschrift auf dem Couchtisch meiner Freundin. Ich war erstaunt über die Themen die dort angepriesen wurden. Leistung, Aussehen und Kaufen! Die Titel der Zeitschriftenartikel auf dem Cover sagten mir: DU MUSST! Schrecklich. Ein Eindruck, den ich von Deutschland schon hatte, der mir in Äthiopien bewusster wurde und hier nun deutlich vor Augen geführt. Man wird in Deutschland auf Leistung getrimmt, auf Aussehen fokussiert und sollte wenn es geht noch bisschen Geld ausgeben. Zeitschriften, die ich in Äthiopien in die Hände bekam, erweckten meine Aufmerksamkeit sie auch aufzuschlagen. Man schrieb dort zwar auch über Kleidung, die man kaufen konnte, aber auf dem Titel wurde noch ein Bericht über eine Musikerin und das ihr so wichtige Thema das Glück des Lebens größer angepriesen als alles Andere und Kunst und Themen übers Zusammenleben, die Familie. Klar gibt es das auch hier, das ist mir wohl bewusst, ebenso, wie es die Themen der deutschen Zeitschrift auch in Äthiopien gibt. Nur es an diesem Tag auf diese Weise so gezeigt zu bekommen, verstärkte mein Gefühl des "Deutschland ist so anders als Äthiopien und Äthiopien so anders als Deutschland".

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