Die Zeit, oder Zeiten (mehr dazu später) vergeht, fast wie im Flug und doch langsam. Zunächst einmal allen noch, auch wenn es nun schon eine ganze Weile her ist, ein frohes, gesundes, neues Jahr 2012.
Ich habe mich hier lange nicht gemeldet, zunächst aus dem Grund, dass ich nicht viel „Stoff“ hatte um darüber zu schreiben und dann, weil ich zu viel erlebte (oder zu müde war) um Zeit zum Festhalten zu finden.
Zuerst muss ich mich aber noch einmal über die vielen positiven Rückmeldungen bezüglich des Blogs bedanken. Ich freue mich wirklich sehr darüber und überlege nun sogar irgendeine schriftliche Tätigkeit weiterzuverfolgen, wenn ich wieder in Deutschland bin, nur so zum Spaß nebenher. Nicht zuletzt durch Joes direkte Frage danach ;) und auch anderen, mir wichtigen Kommentaren zu meinem Schreiben.
Und da fängt auch schon wieder sofort das Denken oder Bewusstwerden darüber an, wie gut ich es doch habe, dass ich „nur so zum Spaß“ in Deutschland einfach mal ein bisschen schreiben kann, wenn ich eine Zeitung oder Zeitschrift oder Tätigkeit finden sollte, die mir zusagt bzw. die mich auch haben will.
Ich sprach mit einem guten Freund über Ausbildung und Beruf in diesem Land. Tatsächlich ist es hier so, dass die Menschen das arbeiten, was für sie ausgewählt wurde (von Eltern) bzw. womit sie Geld verdienen können. Sprich, sie arbeiten um überhaupt leben zu können. So wollte und würde er sich gerne dem Journalismus zuwenden oder der Kunst oder Ähnlichem - und ich bin überzeugt davon, er wäre gut darin - arbeitet aber in einem Bürojob, weil es mehr Sicherheit und Geld bringt, vor Allem aber, weil ihn seine Eltern damals einfach für BWL in der Uni anmeldeten. Sie sagten es sei die Richtung mit der man Geld machen könne.
Ich muss an dieser Stelle kurz unterbrechen: Immer wenn ich schreibe - und ich mache mir zuvor eigentlich Notizen worüber ich schreiben und berichten kann - überschlagen sich meine Gedanken und ich möchte der Welt auf einmal alles mitteilen, was mir hier durch den Kopf geht, ich sehe und erlebe. Dabei geht es aber nicht mehr darum, was ich erlebt habe, wo ich gewesen bin und was ich gemacht habe, oder wie die Arbeit läuft. Nein ich möchte den Menschen am liebsten die Augen öffnen, sie wachrütteln und sagen: Du hast es so gut!!! Mach dir das bewusst! Jeden Tag! Also verzeiht mir, wenn ich weniger über die eher „langweilige“ Arbeitszeit schreibe, die nicht viel anders verläuft als bei uns auch, als über Gespräche mit Einheimischen oder andere Dinge, die mich einfach sehr bewegen, da ich hier real, vor Allem aber gedanklich ständig zwischen ganzen Welten hin- und hergerissen bin, was schon die Überschrift des heutigen Blogs ein wenig vermitteln soll und Thema des Ganzen ist: Das Leben zwischen Tradition und Moderne, zwischen westlicher und Dritter Welt, mit weißer und farbiger Haut. Und nicht nur ich, auch die Habesha people (so bezeichnet man und sie auch sich selbst, die Einheimischen des alten Abessiniens) leben durch westlichen Einfluss mehr oder weniger bewusst hin- und hergerissen.
Zurück zum Lernen. Möchte man sich hier an der Uni einschreiben, so wählt man meistens Dinge wie BWL, Buchhaltung, Management, wenn man aus dem Mittelstand kommt und die Chance hat zu studieren. In Studiengänge wie Kunst oder Geschichte schreiben sich wohl weniger Leute aus mehreren Gründen ein. Aus Gründen wie eben beschrieben, aber auch, weil diese Studiengänge gar nicht wirklich angeboten werden können, da es zu wenig Studieninteressenten dafür gibt, als auch zu wenig Lehrkräfte oder gar Lehrmaterial dafür. Ein Teufelskreis. Die Ausrüstung hier mit Lehrmaterial und -technik an Unis ist wohl kaum mit der an deutschen Unis zu vergleichen. Schon an Lehrbüchern mangelt es massiv. Noch hinzu kommt, dass das Kaufen von Büchern für viele fast undenkbar ist, weil sie einfach zu teuer sind, was auch schon für Romane gilt. Am Liebsten würde ich mich davon gern selbst mal überzeugen und schauen, wie es hier in einer Uni aussieht. Ich werde sicherlich noch mal eine besuchen.
Eine andere Freundin wiederum lernt Buchhalterin, will nach ihrer bald endenden Ausbildung aber umsatteln auf Visagistin oder Ähnliches, weil sie dann unabhängiger von Firmen ist, in denen es kaum Jobs in diesen Bereichen gibt, weil zu viele Jobinteressenten dafür existieren.
Auch ich selbst bemerke die Unterschiede in der qualitativen Ausbildung hier fast täglich bei der Arbeit. Mein Job läuft soweit ganz gut, birgt aber die afrikanischen (Stromausfälle, schlechtes Internet) und normalen Tücken (Layoutentwürfe gefallen nicht richtig, eigene Unzufriedenheit mit dem Ergebnis) des Alltags. Zusammen mit meiner Kollegin entwerfe ich immer noch Logos und komplette Geschäftsunterlagen im Corporate Design für die eigenen Firmen (sechs an der Zahl), durchbrochen von Aufträgen für Kunden. So war ein Kundenauftrag ein Layout für einen Produktkatalog zu entwerfen, der beispielhaft die Wahl der Wohnausstattung (welche Spüle, welche Wandfarbe, welche Entertainmentausstattung), enthielt. Wobei es sich bei diesem aber nur darum handelt, festzulegen ob man eher minderwertigere oder hochwertigere Ausstattung haben möchte, nicht um das endgültige Aussehen der jeweiligen Fliese oder Farbe. Meine Aufgabe ist es dabei mehr und mehr, den Layoutvorgang zu strukturieren und organisieren, aber auch selbst zu entwerfen.
Die Qualität der Ausbildung meiner Kollegin, macht sich immer dann bemerkbar, wenn es darum geht, etwas völlig neues zu entwerfen. Wie mir erklärt wurde sind die geschäftlichen Strukturen hier noch nach Einliniensystem angelegt, sprich der jeweilige Vorgesetzte teilt seinem nächsten Untergebenen mit was zu tun ist. So hat meine Kollegin gelernt wie man mit Photoshop arbeitet und kennt das Programm vielleicht sogar besser als die Entwickler selbst, kann aber, wenn es um kreative Prozesse geht, nicht eigenständig arbeiten. Da es hier keine Lizenzrechte gibt, sieht dann ihre Arbeit bei Logoentwurf oft wie folgt aus: Sie bekommt von Chef gesagt „Ich brauche ein technisches, geradliniges Logo“. Also geht sie ins Internet gibt technisches Logo bei Google ein und kopiert und frisiert munter das was sie finden kann und ihr gefällt, anstatt es als Ideengrundlage zu verwenden und etwas eigenes zu entwickeln. Das kommt aber daher, dass sie trotz zwei Jahren Berufserfahrung zuvor und auch während der Ausbildung nicht gelernt hat, wie der Designprozess bzw. Produktionsprozess abläuft, sondern eben scheinbar nur das Programm zu nutzen. In ihrem alten Unternehmen wird es dann so ausgesehen haben, dass sie einen Vorgesetzten hatte, der ihr sagte: Lege in Photoshop eine Linie von 5 cm an die diagonal von da nach dort verläuft usw. usw. Daher geht sie, oder sagen wir ging sie am Anfang, auch oft nicht selbstständig, wenn sie ein Layout fertig hatte zum Chef um es ihm zu zeigen, sondern produzierte munter weiter hunderte von Layouts und wartete darauf, bis er sie auf diese ansprach. Mittlerweile legt sich das schon ein wenig und sie wird selbstständiger.
Was ich letztendlich sagen will: Ausbildung mit Deutschland, qualitativ nicht vergleichbar aus vielen verschiedenen Umständen.
Nun aber erst mal zu den Dingen, die ich in letzter Zeit so gemacht habe, bevor ich sicher wieder zu eher zum Nachdenken anregenden Themen komme. Sicher wollen viele von euch wissen, wie ich Weihnachten und Silvester verbracht habe. Dazu gleich vorweg: Ich hab sogar zwei Mal Weihnachten „gefeiert“. Heilig Abend, den 24. Dezember, war ich bei deutschen Bekannten zum Weihnachtskaffee und –kuchen eingeladen, bei dem es aber Erdbeer- und Käsekuchen und immerhin richtige, selbstgebackene Weihnachtsplätzchen, -musik und –deko gab. Weihnachtsmusik bei 30 Grad ist wirklich sehr gewöhnungsbedürftig. Und ich kam auch dort, in meinen kurzen Hosen und T-Shirt, mit Erdbeerkuchen vor mir auf dem Teller und den winzigen Kaffeetassen, die es hier in Äthiopien gibt, wie schon die ganzen Wochen zuvor, nicht wirklich in Weihnachtsstimmung.
Nach dem Kaffee ging es dann zur deutschen Kirche hier in der Stadt, um dem weihnachtlichen Gottesdienst zu folgen. Wer mich kennt, weiß, dass ich so gut wie nicht an einen Gott glaube, zumindest nicht in dieser Form. Und trotzdem bin ich aus reiner Neugier mit dorthin gegangen. Überraschenderweise befanden sich in der Kirche nicht nur Deutsche sondern auch viele Äthiopier, die aus irgendwelchen persönlichen oder beruflichen Gründen mit der deutschen Kirche verbunden sind. Der Gottesdienst war nicht viel anders, als ich ihn auch aus deutschen Kirchen kannte. Es wurden gemeinsam deutsche Weihnachtslieder gesungen und gebetet, sowie vom Chor vorgesungen und ein Krippenspiel vorgeführt. Am Krippenspiel fand ich sehr interessant, dass es äthiopische und deutsche Kinder gemeinsam aufführten. Zu meinem Erstaunen wurde sogar Rassismus darin thematisiert, da es in einer etwas eher moderneren Version aufgeführt wurde, bei welcher man ab und zu auch lachen konnte und durfte.
Dort kam letztendlich auch bei mir Weihnachtsstimmung auf, sicherlich verursacht durch die bedächtige Stimmung, den kärglich aussehenden, aber riesen großen und geschmückten, echten Weihnachtsbaum sowie dem großen, leuchtenden Stern, der über dem Altar prangte. In dem Moment habe ich euch alle und Weihnachten zu Hause doch schon sehr, sehr, sehr vermisst.
| Priester beim Timkat Festumzug |
Die Religion ist hier ein großes Thema, über welches man beginnt nachzudenken, wenn man damit ständig konfrontiert wird, nicht zuletzt, da Äthiopien eines der ältesten Länder der Welt mit Christentum ist oder auch „Die Wiege der Menschheit“, ein Land mit einer langen Geschichte. Oft blicke ich in überraschte Gesichter mit großen Augen, wenn ich auf die Frage, welche Religion ich denn habe, mit „Keine.“ antworten muss. Und diese Frage wird mir nicht wenig gestellt. Natürlich kommen nach diesem Moment dann gleich viele Fragen, wie „Und was machst du wenn es dir nicht gut geht, wenn du Probleme hast?“ oder „Warum? Wie kommt das?“, die man dann nur unzureichend damit beantworten kann, dass es sozial und geschichtlich gesehen so gewachsen ist und ich über die Probleme rede, nachdenke und gegebenenfalls versuche Lösungen zu finden. Die Äthiopier hingegen können dies sofort mit „Beten.“ beantworten.
Was ich hier beginne zu verstehen, ist, dass der Glaube etwas Gutes sein kann, indem er den Menschen Halt und auch Kraft gibt. Er ist eine Erklärung für die Existenz des Lebens, bietet einen Grund und Sinn. Ohne Glauben fragt man sich doch oft „Warum? Wozu das Alles?“ Mit Glauben ist das vielleicht ein wenig beantwortet. Trotzdem bleibt die Vorstellung von nur einem Allmächtigen um ein solch komplexes System von Leben zu erschaffen für mich noch immer keine reale Erklärung.
Die Äthiopier sind im Allgemeinen sehr gläubige Menschen, obwohl ich sogar hier auf Ausnahmen treffe. Sie nehmen den Glauben ernst, fasten Mittwochs und Freitags und vor Weihnachten, gehen zur Kirche und beten. Nicht wenig sieht man Menschen, die sich bekreuzigen wenn sie an einer Kirche oder einem heiligen Ort und Bild vorbeikommen oder ein Kreuz um den Hals tragen und um 3 Uhr morgens dem Ruf der Kirche folgen, um diese zu besuchen. Mit dem Ruf der Kirche meine ich tatsächlich laute, rufende Gesänge des Pastors, die von alten großen Lautsprechern mitten in der Nacht, aber auch am Tag, manchmal stundenlang in die Stadt hinaus geschallt werden, über welche ich am Anfang nicht schlafen konnte und sie jetzt aber teilweise kaum noch wahrnehme. Man fragte sich, ob man in einem muslimischen Land gelandet sei. Aber hier sind es die Christen, die ihre Religion lauthals kund tun.
Zufällig war auch Silvester etwas religiös geprägt für mich. Die Mutter meiner Freundin hielt zu Ehren der Jungfrau Maria mit ihren Freundinnen eine traditionelle Zeremonie ab. Zu meinem Bedauern und entgegen meiner Erwartungen durfte ich jedoch nur mit den jungen Leuten in einem anderen Raum essen und die eigentliche Zeremonie der verheirateten Frauen nicht verfolgen, da sie nur den älteren Frauen vorbehalten ist. Lediglich als sie sich zur Kirche begaben, konnte ich einen kleinen Blick darauf werfen, wie die Frauen in ihren traditionellen Kleidern und bunten Sonnenschirmen in der Hand, singend und trällernd wie zu früheren Zeiten aus der Wohnung kamen und diese segneten. Diese Zeremonie wird einmal im Monat von den Frauen durchgeführt und findet jedes Mal im Hause einer anderen Frau statt. Dafür gibt es eine Art heiligen Altar in Form einer großen Urne aus Bast, der in das jeweilige Haus gebracht wird, um dieses zu segnen und zu beschützen und dort für jeweils einen Monat zu verweilen um als Gebetsstätte zu dienen.
So habe ich also den 31. Dezember bei Freunden verbracht und am traditionellen, wieder mal unglaublich leckeren Essen teilhaben dürfen und den Tag ohne besondere Veranstaltungen in Ruhe ausklingen lassen. Da unsere Stimmung, wie auch schon zu Weihnachten eh etwas getrübt war, aufgrund zweier Krankheitsfälle von Freunden bzw. Verwandten meiner Freundin, sind wir auch nicht weiter ausgegangen.
Abgesehen davon wird Silvester oder sagen wir Neujahr hier normalerweise nicht am 31. Dezember bzw. 01. Januar gefeiert, sondern Ende September, da hier eigentlich eine andere Zeitrechnung herrscht. Die Partys, die in der Stadt am 31. Dezember zu finden sind, gibt es nur aufgrund der westlichen Einflüsse und der Ausländer die hier leben. Die Stadt befindet sich also nicht in einem Ausnahmezustand wie die Städte in Deutschland. Keine Feuerwerke und feiernden Menschen überall auf der Straße, lediglich Partys in den Discos und ein großes Feuerwerk veranstaltet vom reichsten Mann der Stadt, dem Besitzer des Sheraton Hotel.
Auch die andere Zeitrechnung macht sich im täglichen Leben für mich hier bemerkbar. Soweit ich das verstanden habe, hat ein Monat hier immer 30 Tage. Und auch die Uhrzeit wird anders gerechnet. Wie in Amerika gibt es nur die 12 Stunden Rechnung, die zusätzlich aber auch noch um sechs Stunden versetzt verläuft. So ist es hier abends wenn ich vom Schwimmen nach Hause komme nicht 20 Uhr, sondern 2 Uhr Abends, wo es in Deutschland aber erst 18 Uhr ist. Will man sich also mit Habesha verabreden, so sollte man immer in beiden Uhrzeiten den Treffpunkt verabreden, damit man nicht zur falschen Zeit erscheint. Oft laufen Verabredungen dann also wie folgt ab: „Also sehen wir uns um sechs?“ - „Ja, genau um zwölf.“ – „Um zwölf ist um sechs Uhr abends, richtig?“ – „Ja. Also dann bis um zwölf.“ – „Ja wir sehen uns um zwölf. Ich bin dann so kurz nach sechs da.“ – „Ok, bis dann.“
| traditionelles Kaffeeservice |
So wurde ich also für Habescha-Weihnachten von einem Freund eingeladen, seine Familie in Nazret, einer Stadt anderthalb Stunden südöstlich von hier, zu besuchen und bot mir eine weitere Gelegenheit einen Einblick in das äthiopische Leben zu bekommen. Weihnachten ist hier nichts Anderes als in Deutschland auch, ein Fest der Familie, bei dem man zusammen kommt, zusammen isst und Gläubige auch zur Kirche gehen und man Geschenke austauscht, sofern Geld dafür da ist. Im Haus der Familie angekommen, gab es also für mich Doro Wat zu essen und anschließend, ganz traditionell eine Kaffeezeremonie um mich im Haus der Familie herzlichst willkommen zu heißen. So saßen wir alle, draußen auf der Veranda des eher ärmlichen, aber völlig ausreichenden Hauses bei Kaffee zusammen und mir wurden die üblichen Fragen `Woher kommst du? Was machst du hier? Wie gefällt dir Äthiopien? Wie geht es dir in Äthiopien? Was machst du in Deutschland?` usw. gestellt um dann später, wie so oft, wenn man mit Äthiopiern länger zusammen sitzt, in tragende Gesprächsthemen überzugehen, wie was in der Welt passiert, was unterschiede des Lebens hier und in Deutschland sind und das Leben im Allgemeinen eigentlich ausmacht.
Solche Gespräche verlaufen oft sehr herzlich, enthusiastisch und auch temperamentvoll. Man wird als Ausländer, anders als in Deutschland, aufs herzlichste willkommen geheißen und freut sich über den Besuch und vor Allem das Interesse am Land. Die Menschen sind sehr offen, herzlich, gutmütig, trotz oft ärmlicherer Umstände sehr positiv, lachen viel und möchten einem alles geben, zeigen und teilen was sie haben. Man merkt den Stolz der Äthiopier auf ihr Land immer wieder, den sie meiner Meinung nach auch gern offen und ehrlich nach außen tragen dürfen, da sie dies nicht auf protzende Art und Weise, wie so oft westlichere Länder, sondern mit tiefer Herzlichkeit und Liebe für Land, Leute und das Allgemeine Leben tun. Alles in Allem kann man sich hier sehr wohlfühlen, wenn man die äußeren Umstände annehmen kann.
Zu diesen Umständen gehört, das mich nach wie vor immer wieder berührende Leid der Menschen, was einem täglich auf der Straße begegnet. Ein sehr bewegender Moment für mich, als ich wieder einmal beim nachhause gehen von einem Kind angebettelt werde. Diesmal aber nicht um Birr, wie sonst so oft, sondern nur um eine der soeben von mir gekauften Bananen, die hier im Kilo nur ca. 45 Cent kosten. Wieder ein Kindergesicht, was ich nie vergessen werde.
Weiterhin entspricht der Wohnstandart hier auch lange nicht dem europäischen. In herkömmlichen Mehrfamilien Häusern ist in den Wohnungen Bad, Küche und Wohnraum winzig, alles alt, die Fenster und Türen aus Blech, klemmen, quietschen und hängen meistens, oft kein Wasser da, weil die Pumpen zu schwach sind und die Wände meist kahl.
Und trotzdem ist diese Welt auch eine moderne. Die Jugendlichen hören die Musik der westlichen Welt. Oft ist es R’n’B, Hip Hop und Reaggae, Beyoncé, Lady Gaga, Timbaland und Bob Marley, wissen viel über Geschichte anderer Länder und Weltgeschehen, gehen Abends nicht anders aus als wir, auf ein Bier und Pizza oder in Clubs und Bars zum Tanzen. Doch dann auch gleich wieder zurück zu Traditionellem. Denn genauso wird einheimische, traditionelle Musik in Clubs gehört und dazu traditionell getanzt, was hauptsächlich aus einer Art Schulterzucken oder Zucken des ganzen Körpers besteht. Die Handys sind oft moderner, neuer und besser als meins, werden genauso für zu viel Facebook und Telefonieren benutzt (unter Anderem auch dadurch, das feste Telefon- und Internetleitungen hier eine Seltenheit sind) und nach der Arbeit wird sich vor den Familienfernseher gesetzt, gemeinsam Filme gesehen und gequatscht. Und wieder zurück zu guten, alten Werten, achten die jungen Menschen hier noch darauf, dass Ältere und Frauen einen guten Platz im Bus bekommen, zählen noch auf die Lebenserfahrung der älteren Generation und wissen diese zu schätzen und zu ehren. Aber auch die älteren Generationen sind anders als europäische, sie tanzen und singen noch im hohen Alter auf jeder Feier mit, was ich auf zwei Hochzeiten, die ich miterleben durfte beobachten konnte und haben umgedreht aber auch vor den jungen Generation viel Respekt.
Kurz zusammengefasst, was mich beeindruckt ist unter Anderem: man lebt hier eben noch gerne miteinander und nicht nebeneinander her und das über alle Generationen hinweg. Bedingt dadurch, dass man es auch muss, da es keine sozialen Unterstützungen vom Staat gibt, sondern die Menschen sich gegenseitig unterstützen müssen, was sie auch Herzens gerne tun. Auch die vielen, zum Teil sehr schönen Traditionen lassen mich nicht unberührt.
Nicht schlecht gestaunt habe ich zum Beispiel, als ich an der Stelle an der ein Haus niederbrannte, zwei Wochen später ein neues entdecken konnte. Ermöglicht wurde das so unglaublich schnelle wieder Aufbauen dieses Hauses, weil in der Nachbarschaft für die betroffene Familie gesammelt wurde und sich zusammengetan um alles wieder bewohnbar herzurichten.
Trotzdem lassen sich auch immer wieder Züge der westlichen, modernen Kultur blicken. Menschen die ihren Glauben verlieren, das moderne Leben leben, wie wir Europäer auch. NACHTRAG (27.01.2012) >> Die Menschen auf dem Land hier wohnen hingegen oft noch viel "ärmlicher". Gibt es schon in der Stadt teilweise kleine Häuser aus Lehm, so sind diese auf dem Land die Regel. In einem Gespräch mit meinem Kollegen sagte er mir, dass die Mutter seiner Freundin einen kleinen Anbau für ihr Haus bekäme. Der Sohn hatte dann Ideen im Kopf, wie eine Wand aus Glasbausteinen, alles fließen, völlig modern usw. usw. Daraufhin meinte mein Kollege aber zu ihm "Wozu? Deine Mutter und deine Schwester fühlen sich wohl im Haus so wie es ist, also warum etwas völlig neues, fremdartiges integrieren, womit sie vielleicht noch nicht mal etwas anfangen können? Nein, wir machen das im Stil des restlichen Hauses, wie es dein Vater bisher hergerichtet hat und sie werden glücklich damit sein neue sanitäre Anlagen und ein größeres Haus zu haben." Meiner Meinung nach hat er mit dieser Ansicht völlig recht. Denn oft kennen die Menschen auf dem Land die Umstände in der Stadt gar nicht, die Moderne, das schnelle Leben und oft überflüssige Luxusartikel und sind trotzdem glücklich und zufrieden mit dem was sie haben. Sie sind viel in der Familie zusammen, genießen und lachen miteinander. Warum also eingreifen? Immer wieder frage ich mich, wie gut dieser Einfluss der westlichen Welt wirklich ist und ob er nicht vielmehr zerstört, als er Gutes bringt, vor Allem auch im Hinblick auf die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich. << Nachtrag Ende
Letzte Woche dann das nächste Erlebnis: Timkat oder auch Epiphanie, die Feiertage zu Ehren der Taufe Christi, an welchen nicht gearbeitet und viel gebetet wird, sofern man gläubig ist. Dazu wird die ganze Stadt mit Wimpeln in den äthiopischen Farben Rot, Gelb und Grün geschmückt und die Menschen kommen zusammen um das Fest vorzubereiten. Es werden erneut Tiere geschlachtet und viel Injera hergestellt, um besondere Gerichte zu kochen und die „Straßen“ (welches hier meist Schotter- und Sandwege abseits der Hauptstraßen sind) mit Wasser befeuchtet um auftreibenden Staub zu mindern. Für die Äthiopier ist das Fest wichtiger als Weihnachten, vielleicht sogar das wichtigste religiöse Fest. Donnerstag, am ersten Tag des Epiphanie werden begleitet von großen, feiernden Festumzügen (zu Fuß, ohne Autos!) die Steintafeln mit den 10 Geboten (Tabots) aller Kirchen der Stadt nach draußen auf einen freien Platz getragen. Der Festumzug besteht aus hunderten von Menschen in ihren weißen, traditionellen äthiopischen Gewändern und den Priestern und Pastoren, welche die Tafeln tragen und deren Kleider je nach Rangfolge herrlich geschmückt sind. Eine Nacht lang bewachen die Priester diesen Ort und beten. Am nächsten Tag gibt es eine Taufzeremonie, bei welcher die Wasser zur Taufe Christi jedes Jahr neu geweiht werden, um sie anschließend über die versammelte Menge der betenden Menschen zu verteilen. Danach werden die Steintafeln mit der gleichen Feierlichkeit wieder in die Kirchen zurückgetragen.
Da an diesen Tagen nicht gearbeitet wird, war es mir möglich den Festumzug anzusehen und die tanzenden und singenden Menschen dabei zu beobachten. Die Gesänge, die Stimmung und Freude, die dabei aufkommt lädt förmlich zum mitmachen und fröhlich sein ein. Leider können Fotos aber lange nicht wiedergeben, was diese Menge von Menschen vermittelt. Die Stimmung ist einzigartig, fröhlich, heiter und doch auch bedächtig, man könnte fast sagen selig und es umgibt einen ein Gefühl der Wärme, schon allein erzeugt durch die einzigartigen Gesänge. Vielleicht kann ich bei Gelegenheit oder spätestens, wenn ich in Deutschland zurück bin mal eines der Videos der Gesänge hochladen, aber selbst diese können die Stimmung nicht im Ganzen wiedergeben. Der witzigste Moment aber war sicherlich, als ein Äthiopier aus der Menge auf mich zukam und meinte "Ich sehe doch gut aus oder? Mach ein Foto von mir! Mach ein Foto von mir!" Gesagt getan, bildet euer Urteil selbst *gg*:
Sicher habe ich nun wieder, trotz mehrfachem schreiben und redigieren, lange nicht alles aufgeschrieben und so wiedergeben können wie ich es erlebte, noch sicherlich hunderte Fehler drin, weil man irgendwann seinen eigenen Text nicht mehr redigieren kann, die Fehler übersieht, aber ich glaube für diesen Blog reicht es erst einmal wieder. Ein paar mehr Fotos findet ihr natürlich auf der Fotoseite.
Bald hoffe ich noch weit mehr erzählen zu können, da es in nicht mehr all so ferner Zeit auch wieder raus aus Addis geht, gell Tom? :D Ich freu mich soooo!
Bis zum nächsten Mal!
Schön!
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